{"id":704,"date":"2011-12-23T21:10:53","date_gmt":"2011-12-23T20:10:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.energiewendeheilbronn.de\/blog\/?p=704"},"modified":"2011-12-23T21:11:56","modified_gmt":"2011-12-23T20:11:56","slug":"redebeitrag-von-ruiko-muto-bei-der-demonstration-der-60-000-in-tokyo","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/energiewendeheilbronn.de\/blog\/2011\/12\/23\/redebeitrag-von-ruiko-muto-bei-der-demonstration-der-60-000-in-tokyo\/","title":{"rendered":"Redebeitrag von Ruiko Muto bei der Demonstration der 60.000 in Tokyo"},"content":{"rendered":"<p>Heute erhielten wir die \u00dcbersetzung des Redebeitrags der Japanerin Ruiko Muto die bei einer der gr\u00f6\u00dften Anti-Atom-Demonstrationen in Japan, bereits am 19. September 2011 eine bewegende Rede hielt. Ins Deutsche \u00fcbersetzt wurde sie von Michi Kitazawa-Engel, einer sehr engagierten L\u00fcneburger Anti-Atom-Aktivistin und ist auf <a href=\"http:\/\/www.lagatom.de\" target=\"_blank\">www.lagatom.de<\/a> ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<blockquote><p>19. September 2011, Tokio, Japan, \u00fcbersetzt von Michi Kitazawa-Enge<\/p>\n<p>Hallo, ich komme aus Fukushima.<\/p>\n<p>Ich kam zusammen mit Busladungen von Leuten aus Fukushima und Zufluchtsorten au\u00dferhalb Fukushima\u2019s. F\u00fcr viele ist es das erste Mal, dass sie an einer solchen Kundgebung oder Demonstration teilnehmen. Doch wir haben uns gegenseitig ermutigt, dass <em>wir <\/em>diejenigen sein m\u00fcssen, die die Geschichte unserer bitteren Erfahrungen nach der Atomkatastrophe in Fukushima erz\u00e4hlen, dass <em>wir <\/em>unsere Stimme gegen die Atomkraft erheben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Doch zun\u00e4chst m\u00f6chte ich sagen:<\/p>\n<p>Ich empfinde tiefen Respekt f\u00fcr jeden von euch, der in diesen anstrengenden Tagen nach dem 11. M\u00e4rz alles versucht, um Menschenleben zu sch\u00fctzen. Ich m\u00f6chte au\u00dferdem all jenen danken, die den Menschen aus Fukushima ihre H\u00e4nde reichen und uns auf irgend eine Weise unterst\u00fctzen. Vielen Dank! Und ich m\u00f6chte die Kinder und die jungen Menschen um Entschuldigung bitten, denen wir die ungeheure Last dieser Katastrophe aufgeb\u00fcrdet haben. Als ein Mensch der Generation, die diese Realit\u00e4t hervorgebracht hat, bitte ich euch um Verzeihung.<\/p>\n<p>Liebe Leute, Fukushima ist ein wundersch\u00f6ner Ort. Im Osten ist <em>Hamadori <\/em>umarmt vom blauen Pazifik. <em>Nakadori <\/em>ist eine Fr\u00fcchte-Schatzkammer f\u00fcr Pfirsiche, Birnen, \u00c4pfel. Die <em>Aizu<\/em>-Ebene, die den <em>Inawashiro<\/em>-See und\u00a0 Berg\u00a0 <em>Bandai <\/em>umschlie\u00dft, strotzt vor goldenen, tief herabh\u00e4ngenden Reis-\u00c4hren. Hinter der <em>Aizu<\/em>-Ebene erhebt sich hohes Gebirge. Die Berge sind gr\u00fcn, das Wasser ist klar \u2013 Das ist unsere Heimat.<!--more--><\/p>\n<p>Nach dem 11. M\u00e4rz hat unsichtbare Strahlung diese Landschaft beregnet, und wir sind alle \u201c<em>Hibakusha<\/em>\u201d (Strahlenopfer) geworden. Im diesem gro\u00dfen Chaos haben wir viel erlebt:<\/p>\n<p>Der Zwiespalt zwischen rasch ins Leben gerufenen \u201cSicherheits-Kampagnen\u201c und dem Misstrauen auf diese Kampagnen hat Menschen auseinander gerissen, die einst verbunden waren. Wie viele Menschen haben gelitten und geklagt, in ihrer Gemeinde, auf der Arbeit, in der Schule und zu Hause?! Ob wir wollten oder nicht, wir wurden jeden Tag dazu gezwungen, Entscheidungen zu treffen: Fliehen oder bleiben? Essen oder lieber nicht? H\u00e4ngen wir unsere W\u00e4sche drau\u00dfen auf oder lieber drinnen? Lassen wir unser Kind eine Maske tragen oder nicht? Beackern wir unsere Felder oder nicht? Erheben wir unsere Stimmen oder halten wir den Mund? \u2013 Qualvolle Entscheidungen. Und was uns jetzt nach 6 Monaten klar ist:<\/p>\n<ul>\n<li>Wahrheiten werden aufgedeckt<\/li>\n<li>Der Staat sch\u00fctzt die Bev\u00f6lkerung nicht<\/li>\n<li>Die Katastrophe ist nicht zu Ende<\/li>\n<li>Die Menschen in Fukushima werden als Versuchskaninchen eines nuklearen Experiments benutzt<\/li>\n<li>Gewaltige Mengen radioaktiven M\u00fclls werden \u00fcbrig bleiben<\/li>\n<li>Trotz riesiger Opfer herrscht der Einfluss der Bef\u00fcrworter der Atomenergie vor<\/li>\n<li>Wir wurden sitzengelassen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wir seufzen tief vor Ersch\u00f6pfung und gebrochenem Herzen. Trotzdem spricht es aus uns: \u201cVerachtet uns doch nicht!\u201d, \u201cNehmt uns nicht unser Leben!\u201d Leise erheben sich die Menschen aus Fukushima aus Traurigkeit und Zorn:<\/p>\n<ul>\n<li>M\u00fctter, V\u00e4ter und Gro\u00dfeltern, die ihre Kinder oder Enkelkinder sch\u00fctzen wollen,<\/li>\n<li>Jugendliche, die ihre Zukunftstr\u00e4ume nicht aufgeben wollen,<\/li>\n<li>Arbeiter, die jenen AKW-Arbeitern helfen wollen, die unter der hohen Strahlung versuchen, die Katastrophe einzud\u00e4mmen,<\/li>\n<li>Verzweifelte Bauern, die durch die Strahlung ihre Felder verloren haben,<\/li>\n<li>Behinderte, die Diskriminierungen anderer verhindern wollen, die von radioaktiver Belastung betroffen sind,<\/li>\n<li>und jeder B\u00fcrger<\/li>\n<\/ul>\n<p>Alle ziehen den Staat und TEPCO zur Verantwortung und appellieren, \u201cAtomkraft, Nein Danke!\u201c. Wir sind die \u201cTeufel\u201c des Nordostens, in denen still die Flammen des Zornes brennen.<\/p>\n<p>Wir, die Menschen aus Fukushima, egal ob die Heimat verlassend oder in der Heimat bleibend, wollen Verbitterung, Verantwortung und Hoffnung miteinander teilen und uns weiterhin gegenseitig unterst\u00fctzen. Bitte schlie\u00dft euch uns an und achtet auf unsere verschiedenen Aktionen!: Verhandlungen mit Regierungen, Gerichtsverfahren um Evakuierungen, Umsiedlungen, Kuren, Dekontamination, Messungen, Veranstaltungen, um sich \u00fcber Atomenergie und Strahlung zu informieren. Wir werden \u00fcberall hingehen und \u00fcber Fukushima sprechen. Eine von uns spricht heute in New York. Wir versuchen alles, was uns einf\u00e4llt. Bitte helft uns! Vergesst bitte nicht Fukushima!<\/p>\n<p>Lasst mich noch dar\u00fcber etwas sagen, wie wir leben. Wir m\u00fcssen uns die Welt auf der anderen Seite der Steckdose vorstellen, in die wir l\u00e4ssig unsere Netzstecker stecken. Wir m\u00fcssen dar\u00fcber nachdenken, dass unser Komfort und Wohlstand auf Diskriminierung und Opfern basieren. Dort gibt es die Atomkraftwerke. Die Menschheit ist blo\u00df eine Gattung auf der Erde. Gibt es irgendeine andere Art, die ihre Artgenossen ihrer Zukunft beraubt? Ich m\u00f6chte als ein anst\u00e4ndiges Lebewesen leben, das mit der Erde, diesem wunderbaren Planeten, harmoniert. Sorgsam und nachhaltig mit Energie umgehend, m\u00f6chte ich nach einem kreativen, innerlich befriedigenden, sch\u00f6pferischen Leben streben, auch wenn so ein Leben unspektakul\u00e4r erscheint. Eine klare Antwort darauf, wie wir eine neue Welt schaffen k\u00f6nnen, die das Gegenteil einer Welt mit Atomenergie sein wird, wei\u00df keiner genau. Was wir tun k\u00f6nnen, ist, selber nachzudenken \u2013 nicht den Vorschriften anderer zu folgen \u2013 , die Wahrheit zu erkennen und zu entscheiden, was man tun kann und es dann tun. Vergesst nicht, dass jeder f\u00e4hig dazu ist!<\/p>\n<p>Jeder hat den Mut, sich zu \u00e4ndern. Findet euer Selbstvertrauen zur\u00fcck, das euch geraubt wurde. Verb\u00fcndet euch mit anderen. Wenn die Bef\u00fcrworter der Atomenergie eine senkrechte Wand sind, wollen wir uns grenzenlos waagerecht ausbreiten. Dass wir uns verb\u00fcnden k\u00f6nnen, das ist unsere St\u00e4rke.<\/p>\n<p>Ergreift behutsam die Hand eures Nachbarn, der neben euch steht. Seht euch gegenseitig an und h\u00f6rt den Klagen des Anderen zu. Vergebt \u00c4rger und Tr\u00e4nen. Verbreitet die W\u00e4rme eurer H\u00e4nde \u00fcber alle in ganz Japan, \u00fcber alle in aller Welt!<\/p>\n<p>Wie schwer unsere B\u00fcrde und wie steinig der Weg auch ist, wir wollen uns gegenseitig unterst\u00fctzen, ohne uns vom Leiden des Anderen abzuwenden. Lasst uns auf diese Weise unser Leben gegenseitig erleichtern und zuversichtlich vorangehen!<br \/>\nRedebeitrag von Ruiko Muto bei Demonstration der 60.000 in Tokyo<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute erhielten wir die \u00dcbersetzung des Redebeitrags der Japanerin Ruiko Muto die bei einer der gr\u00f6\u00dften Anti-Atom-Demonstrationen in Japan, bereits am 19. September 2011 eine bewegende Rede hielt. Ins Deutsche \u00fcbersetzt wurde sie von Michi Kitazawa-Engel, einer sehr engagierten L\u00fcneburger Anti-Atom-Aktivistin und ist auf www.lagatom.de ver\u00f6ffentlicht. 19. 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